„Was ist passiert?“, Yelena übersprang einen Schritt, um mit seinem unerwarteten Tempo Schritt zu halten, als ihr Freund und Kommandant um die Biegung des Korridors stürmte, den sie gerade von einer T-Kreuzung aus betreten hatte. Eine knappe Nachricht per Comms hatte sie aufgefordert, sich ihm anzuschließen. Doch statt einer Erklärung schüttelte Sergey nur den Kopf und winkte ihr zu folgen, während er weitereilte. Seine Paradeuniform war etwas zerknittert. Ein sehr schwacher Geruch von unbekanntem Alkohol wehte zu ihr herüber. Was auch immer beim Treffen mit dem Kapitän und der Senior Commander vorgefallen war, es hatte ihn aus der Fassung gebracht. So neben sich hatte sie ihn schon lange nicht mehr gesehen.
Für ihr Platoon würde es nicht wie gewohnt weitergehen, so viel stand fest.
Was also dann? Wo sollten sie hin und warum? Was für Befehle könnte Mama Tasha gegeben haben, um ihn derart zu beunruhigen?
Sie eilten an einer mit Brandspuren übersäten Wand und einigen Überresten hastig errichteter Barrieren vorbei, welche nach dem Piratenangriff noch nicht entfernt worden waren, trafen jedoch keine Menschenseele. Da sie noch nicht lange auf dem Schiff verweilten und noch nie den Teil betreten hatten, welchen Sergey jetzt ansteuerte, dauerte es eine Weile, bis Yelena begriff, wohin sie unterwegs waren.
Die Turnhalle des Gateshot-Militärs.
Sergey folgte also höchstwahrscheinlich einer BCI-Markierung, um zu Sgt. Maj. Thompson zu gelangen, dem so genannten Anführer dessen, was sich auf diesem Kahn als Militär ausgab. Doch warum sollte er mit diesem Idiot sprechen wollen? Die beiden Männer waren sich fast an die Gurgel gegangen, weil Sergey das Magiermädchen und einen von Thompsons Spartanern inhaftiert hatte, nachdem diese seine direkten Befehle ignoriert und unter den Augen der Voidwalker ein Kriegsverbrechen begangen hatten. Ein Verbrechen, welches den Rest des Einsatzteams gefährdete und sie das velorianische Schiff kostete, das sie geentert und unter Kontrolle gebracht hatten. Thompson forderte Sergey sogar zu einem Duell heraus, zog sich dann aber zurück, wahrscheinlich nachdem der Admiral ihm den Befehl dazu gegeben hatte.
Scheiße!
Yelenas Augen weiteten sich, als sie den wahrscheinlichen Zweck dieses Ausflugs erkannte. Warum er sie mit einbezogen hatte. Und den einzig plausible Grund, warum es jetzt geschehen musste.
„Hat ja lang genug gedauert“, murmelte Sergey in Voidcant, “Du bist doch nicht etwa eingerostet?“
„Wie das? Du trägst mehr Metall in dir als ich,” scherzte sie zurück.
Er schnaubte.
„Außerdem misst du seiner Ehre zu viel Bedeutung bei. Er ist ein Spartaner“
Jeder Plutonier wusste, dass diese unprofessionellen, promiskuitiven Kernweltler ein besonderes Ärgernis darstellten, noch vor KIs und selbstdenkenden Robotern. Sie vögelten in ihren eigenen Einheiten herum, verschwendeten ihre Zeit mit endlosen, sinnlosen Fitnessübungen, anstatt ehrliche, sinnvolle Arbeit zu leisten… Pah!
„Er hat sich beim Piratenangriff gut geschlagen“, Sergeys Tonfall ließ keinen Raum für Widerspruch, als er den Haupteingang der Sporthalle passierte, „Und dies könnte unsere letzte Chance sein, das aus der Welt zu schaffen, bevor alles kompliziert wird.“
Als ob das nicht schon der Fall wäre …
„Wollen die mich verarschen?“ sprach Sergey Yelenas Gedanken aus, als sie vor einer mit Kletterseilen und -hilfsmitteln bestückten Wand anhielten. Ein Blick nach oben offenbarte, dass die grünen Pfeile in ihrer BCI-Navigation in die zweite Etage zeigten, wo sich ein Laufsteg um die Hälfte des großen Raumes herum erstreckte. Mehrere Plattformen zweigten davon ab und ragten über ihnen. Gute Positionen für einen Hinterhalt. Aus der Wand entsprangen acht Türen. Die von ihnen aus gesehen am weitesten links gelegene war ihr Ziel.
„Noch ein Hangar?“, Yelena schüttelte den Kopf, „Was für eine Platzverschwendung.“
Nicht, dass dieser Hangar als solcher genutzt wurde. Das Erdgeschoss war mit Fitnessgeräten vollgestopft. Mehrere Boxringe, ein Parcours, eine Tür mit der Aufschrift „Schießstand“. Die vierzehn Personen in Trainingskleidung, welche ihnen verstohlene Blicke zuwarfen, füllten den großen Raum nicht mal ansatzweise.
„Was für eine Energieverschwendung, seine Leute diesen Scheiß hochklettern zu lassen, nur um mit einem zu reden“, knurrte Sergey so laut, dass es jeder hören konnte, „und ich dachte, Thompson könnte kein größerer dupka sein!“
Scheiße, er war wirklich stinksauer… was zum Teufel war in diesem Büro passiert? Nun, wenn sie ihn richtig verstanden hatte und sie deshalb an Bord bleiben und mit den Kernweltlern zusammenarbeiten mussten, war es auf jeden Fall nichts Gutes …
Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür, auf die sie zusteuerten, und ihr Ziel betrat den Laufsteg. Seinen großen, kantigen Kopf über einen Stapel Datenfolien gebeugt, schien Thompson in ein Gespräch mit einer anderen Spartanerin vertieft zu sein. Seine Stellvertreterin, die promiskuitive Schwarze, die er angeblich so unprofessionell war, zu daten. Sie bemerkte Sergey und Yelena zuerst und versetzte ihrem Vorgesetzten einen schnellen Stoß in die Rippen. Thompsons Blick folgte ihrer Geste und die beiden länglichen Partien dicker schwarzer Haare, die auf seiner Stirn wuchsen, verschmolzen zu einer einzigen Monobraue. Fast wäre er für einen Schritt ins Stocken geraten, doch dann verdoppelte er sein Tempo.
Sergey glättete seine Miene und verschränkte die Arme, während er darauf wartete, dass der andere Mann ganz bis zum Vorsprung kam und sich über das Geländer daneben lehnte.
„Lt. Federov“, Thompson warf einen kurzen Blick auf die nicht ganz so unauffälligen Zuschauer, “kann ich Ihnen helfen?“
„Da. Wir müssen reden“, ein verschmitztes Glitzern ersetzte die Verärgerung im guten Auge ihres Freundes, als er sich demonstrativ umschaute, “Warum bleiben Sie nicht einfach dort stehen? Wir kommen hoch.“
Der große Kernweltler schien etwas verblüfft, als er auf die Seile zeigte: „Wir … ähm …“
„Niete, ist schon gut“, Sergey lächelte breit, wie damals auf Space-Nav 358, kurz bevor er diesem rotzfrechen Vorarbeiter die Fresse einschlug, „Wir sind schließlich gekommen, um mit Ihnen zu reden. Und Sie wollen das vielleicht nicht in der Öffentlichkeit besprechen. Wir werden den Weg nach oben finden, daniete?“
Dieser letzte Satz war an sie gerichtet, also nickte Yelena. Sie wusste, dass sie ihm in dieser Stimmung nicht widersprechen sollte. Was auch immer er vorhatte, es würde bestimmt lustig werden. Also passte sie sich seinem Lächeln und seinem quälend langsamen Schritttempo an, als er sich umdrehte und auf eine Tür in der Seitenwand zusteuerte, welche sich auf halbem Weg zurück in der Richtung befand, aus der sie gekommen waren.
In schwatzhaftem Tonfall murmelte sie in ihrer Muttersprache: „Eine Rationsmünze, wenn du ihn dazu bringst, eine Vene platzen zu lassen.”
Sergey lachte, als hätte sie einen großartigen Scherz gemacht. Seine künstliche Hand deutete an, dass er die Herausforderung annahm.
Während sie sich im Schneckentempo fortbewegten, plauderten sie munter drauflos. Das meiste war Unsinn. Die zufälligen, nichtssagenden Wörter und Phrasen in Voidcant waren ein tief verwurzeltes Hin und Her, das vor langer Zeit entwickelt wurde, um sich besser in eine Menschenmenge einzufügen und Außenstehende zu beruhigen … oder in diesem Fall zu verunsichern. Es war auch gut, um echte Gespräche, die in ihren Köpfen und mit ihren Händen stattfanden, zu verschleiern. Etwas fiel ihrem Vorgesetzten auf und er blieb stehen. Eine gute halbe Minute lang verfolgte er die Bewegungen der vier Leute, welche sich in Paaren zum Nahkampftraining zusammengefunden hatten, bevor er sie auf diese verdeckte Art fragte: „Sag Yelena, siehst Du das Problem?“
Auch sie ließ sich Zeit, denn es war eine subtile Sache, auf die er anspielte, und sie war sich anfangs nicht ganz sicher.
„Mir scheint, entweder haben sie alle einen genetischen Defekt oder zumindest einer ihrer Trainer hat eine Bewegungseinschränkung in der rechten Schulter, welche sie unbewusst nachahmen.“
Zufrieden mit ihrer Beobachtung, nickte er. Sie gingen weiter, dann machten sie eine Show daraus, den jeweils anderen zuerst durch die Tür zu winken. Sergeys Worte versickerten, kaum dass sie die schmale Treppe dahinter betraten. Nervosität übernahm seine Bewegungen und er erklomm die erste Treppe mit seiner gewohnt effizienten Geschwindigkeit, bevor er sich zwang, auf dem Treppenabsatz innezuhalten und ein paar Herzschläge abzuwarten. Seine künstliche Rechte schloss sich kurz zu einer Faust, dann entspannte sie sich wieder.
„Vielleicht hätte ich den Botschafter abweisen sollen, als er bat, uns zu begleiten“, sinnierte er.
„Es bringt Unglück, einen Voidpriester abzulehnen“, Yelena blieb neben ihm stehen und überzeugte sich davon, dass es für die Spartaner keine sichtbaren Möglichkeiten gab, sie zu beobachten – weder für die, zu denen sie unterwegs waren, noch für die im Erdgeschoss.
Eine beiläufige Weisheit, die ihr ein anderer Priester einmal mitgegeben hatte. Obwohl der Gedanke … Nein, sicherlich hatte nicht einmal Sergey den Mumm, Mama Tashas Erstgeborenem eine Abfuhr zu erteilen und dafür ihren Zorn zu riskieren. Wären die jüngsten Ereignisse anders verlaufen, hätte sie das höchstwahrscheinlich um die Chance gebracht, das, was die Senior Commander ihrem Vollstrecker aufgetragen hatte, zurückzubekommen, überhaupt zu erreichen. … Das hätte übel ausgehen können. Diese Art von Versagen konnte dazu führen, dass man in einen sehr ungemütlichen Winkel des Weltraums abkommandiert … oder, na ja, durch ein außerirdisches Raumtor in einen feindlichen Teil der Galaxie verschifft wurde. Ein Schicksal, das angesichts des seltsamen Verhaltens ihres Freundes plötzlich sehr wahrscheinlich erschien …
Hatten sie also doch schlechte Arbeit geleistet? War das Ding, das sie sicherstellen sollten, nicht in diesem von der Leere verlassenen Container gewesen? Oder wurden sie dafür bestraft, dass sie die [it]Gateshot[] und ihre Glücksritter-Crew angeschleppt hatten? Eine Crew, zu der möglicherweise sogar ein außerirdischer Roboter und der sagenumwobene Rasputin gehörten?
Sergey warf ihr diesen Blick zu, als könnte er manchmal direkt durch sie hindurchsehen, direkt in ihre Gedanken. Er erkannte zweifelsohne, wie sie in Blödsinnterritorium abdriftete, also hielt sie ihre Gedanken davon ab, weiter abzuschweifen. Er würde die Details zu gegebener Zeit mit ihr teilen. Wenn es ihm erlaubt war und er es für angemessen hielt.
Als Antwort auf sein leichtes Grinsen zuckte Yelena mit den Achseln: „Fein, ich verstehe, was Du meinst. Bringen wir es hinter uns, damit wir was trinken gehen können?“
“Jupp.”
Sie setzten ihren Weg in einem nicht mehr ganz so gemächlichen Tempo wie zuvor fort.
Hinter der Schwelle der oberen Tür lungerten die beiden Kernweltler herum. Sie wendeten sich gerade voneinander und möglicherweise einer hitzigen Diskussion ab. Ihrem unzufriedenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte die Hure wohl verloren.
Thompson richtete sich zu seiner vollen Größe auf und rupfte mit sichtlicher Mühe seine Monobraue zurück in zwei Teile, „Lt. Federov, ich wollte gerade die Leute besuchen, die Ihre Mission auf die Intensivstation gebracht hat. Also was auch immer Sie wollen, machen Sie es kurz!“
„Tatsächlich bin ich hier, um Ihnen einen Gefallen zu tun“, eisige Ruhe ließ Sergeys Stimme leise klingen.
Thompsons Schultern zogen sich weiter zurück, das einzige Anzeichen für seine plötzliche Überraschung.
Sergey machte eine vage Geste, „Da unsere ursprüngliche Mission abgeschlossen ist und die Aufräumarbeiten gut vorankommen, nehme ich an, dass der Druck, der Sie davon abgehalten hat, unsere Meinungsverschiedenheit zu einem ehrenhaften Ende zu führen, nachgelassen hat.“
Der Spartaner leckte sich über die Lippen, sein Blick wanderte zu dem Doppelstern, welcher auf der Paradeuniform seines Gegenübers prangte, bevor er kurz zu den Männern und Frauen blickte, die von unten heraufschauten, „Und wenn das so wäre?“
„In diesem Fall bin ich bereit, Ihnen eine weitere Chance anzubieten, dort weiterzumachen, wo wir so unsanft unterbrochen wurden. Zweite Chancen sind schließlich selten und das Bedauern über das Versäumte hält oft lange an. Sollten Sie daran interessiert sein, würde ich so tun, als hätten Sie Ihre Herausforderung nie zurückgezogen und wir könnten von dort fortfahren.“
Während die Augen der Hure beinahe hektisch von Sergey zu Thompson und wieder zurück wanderten, blieb die riesige Gestalt des Mannes an ihrer Seite fast eine Minute lang regungslos. Das einzige, was sich bewegte, waren seine haselnussbraunen Augen, welche den Plutonier vor ihm zu durchbohren suchten. Leises Grunzen und das Geräusch schwerer Dinge, welche auf gleichmäßigen, geordneten Bahnen angehoben und wieder abgesetzt wurden, übertönten beinahe das leichte Rascheln von vier mit erzwungener Gelassenheit atmenden Menschen. Schließlich schüttelte Thompson den Kopf.
„Ich danke Ihnen für das Angebot, Lieutenant. Es ist sehr … rücksichtsvoll von Ihnen, mir diese Chance zu eröffnen. Allerdings trage ich eine Menge Verantwortung, welche es mir nicht erlaubt, das Risiko einzugehen. Das gilt zweifellos auch für Sie. Wie auch immer es ausginge, es könnte sich als zu nachteilig für unsere Leute erweisen, um die Befriedigung eines kurzlebigen, persönlichen Grolls aufzuwiegen. Dennoch“, der Spartaner streckte eine übergroße Pfote aus, „weiß ich Ihre Überlegung zu schätzen. Es scheint, dass Sie mir mehr Achtung entgegenbringen, als ich vielleicht vermutet habe.“
Schade …
Falls Sergey enttäuscht war, überspielte er es gekonnt. Mit einer resoluten Geste schloss er seine augmentierten Finger um das angebotene Gliedmaß und schüttelte es, „Das mag für uns beide gelten.“
Es folgte kein kleinliches Kräftemessen, keine schlecht versteckten Anzeichen von nonverbaler Uneinigkeit oder spitze Blicke. Was war hier los? Die beiden Männer trennten sich mit einem kurzen, respektvollen Nicken, dann zog Sergey Yelena sanft zur Seite, damit die Spartaner passieren konnten.
Ihre Kameraden würden das niemals glauben!
„Was ist gerade passiert?“, flüsterte Yelena, bevor sich die Tür vollständig hinter ihren Gesprächspartnern schließen konnte.
Sergey zuckte mit den Schultern, als kümmerte es ihn nicht. In Standard und laut genug, dass auch die anderen beiden es hören konnten, verkündete er: „Maj. Thompson scheint tatsächlich lernfähig zu sein. Vielleicht können wir in Zukunft wirklich zusammenarbeiten.“
Alle erstarrten. Thompsons Fingerknöchel auf dem Türknauf schienen sich ein oder zwei Nuancen zu erhellen, als sein massiger Kopf zurückschwang, um sie anzustarren. Unten verstummten die Geräusche.
Yelena erkannte ihr Stichwort und fragte, ebenfalls im Standard, „Also bleiben wir?“
„In der Tat“, ihr Vorgesetzter presste kurz die Lippen aufeinander, „Adm. MacAllister verlangte explizit nach uns.“
Die Monobraue auf Thompsons Stirn schnappte mit Wucht an ihren Platz zurück.
Scheiße, jetzt schuldete sie Sergey wirklich eine Münze.