[Kurzer Hintergrund/Erinnerung: Sergey wurde gerade zum Colonel befördert. Yelena, Ghost und Mikhail sind seine Sergeants. Kesha ist Yelenas stellvertretende Squadleiterin, Echohawk Ghosts Stellvertreter. Sie sitzen zusammen in der Messe und essen zu Mittag.]
Ein paar Minuten später hustete Echohawk plötzlich und konnte die letzten Fischfasern kaum zwischen seinen zuckenden Lippen halten, während seine Augen auf einen Punkt außerhalb ihrer Gesellschaft gerichtet waren. Etwa zwei Sekunden später zuckten Ghosts Mundwinkel und er presste seine Lippen aufeinander.
„Was ist daran so lustig?“, die Falten auf Yelenas Gesicht wurden tiefer, als sie die Reaktion wahrscheinlich als Kommentar zu dem auffasste, was sie gerade gesagt hatte.
Aber Ghost sah sie nicht an, sondern deutete nur an, dass sie noch ein paar Minuten bräuchten, um ihre Aufgabe zu erledigen.
Sergey und Yelena tauschten einen Blick aus und senkten dann erneut die Köpfe über ihre Teller, während ihre Augen suchten, wo sich die Blicke der beiden Infiltratoren kreuzten. Wer war das Ziel der heutigen Lippenleseübung?
„Sie belauschen deinen Schwarm“, Kesha schien allein diese Tatsache unterhaltsam zu finden, während ein schelmisches Funkeln in ihren Augen aufflackerte, „Glaubst du, sie reden über dich?“
„Ich habe keinen Schwarm“, brummte Sergey, während er vorsichtig zu der Stelle hinüberschaute, wohin sie mit einer winzigen Kopfbewegung gedeutet hatte.
Und tatsächlich, während Ghost sich leicht gedreht hatte, um den besten Blickwinkel zu haben, um Felicitys Lippen zu lesen, waren die Augen seines Stellvertreters auf die ihrer Tischnachbarin Heidi Rivers gerichtet. Die beiden Frauen saßen allein in einer Ecke, zu weit weg, um dem Trubel in der voll besetzten Kantine zu lauschen. Während Rivers ihr Fischgericht scheinbar als Nebensache des Gesprächs behandelte und mehr den Mund als die Hand bewegte, welche ihre Gabel hielt, funkelte Felicity sie nur an, und stocherte demonstrativ auf ihren griechischen Salat ein.
Entgegen seiner Worte war Sergey doch neugierig und sein Gulasch schmeckte nicht mehr so gut, da er unbedingt einen Blick auf den Chat werfen wollte, in dem seine Infiltratoren das Gespräch zusammenfassten, von dem jeder eine Seite protokollierte. Er musste noch vier Minuten warten, bis sie beschlossen, dass der interessante Teil des Gesprächs vorbei war und sich bereit machten, mit der Sprache herauszurücken. Leere, das war doch nicht so wichtig!
„Sind wir sicher, dass die Wissenschaftlerin keine Spartanerin ist?“, fragte Echohawk noch einmal nach. „Ich meine, ich weiß, was in ihrer Akte steht, aber nach dem, was sie angedeutet hat, scheint sie einen kleinen Harem zu haben.“
„Ach, hör auf uns auf die Folter zu spannen“, Kesha beugte sich vor. „Spuck’s schon aus! Was war so lustig?“
„Na ja, willst du nur das oder auch den Kontext?“, er kratzte die Reste seiner zerdrückten Erbsen zusammen und leckte seinen Löffel betont langsam ab.
„Komm schon, Jake, niemand mag Klugscheißer!“ Yelena lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Wir können das neue Rufzeichen immer noch zurücknehmen, weißt du?“
Echohawk warf Ghost einen Blick zu, woraufhin dieser mit den Achseln zuckte, als wollte er sagen: „Ich habe dir doch gesagt, dass du dich nicht mit ihnen anlegen sollst.“
„Okay, okay“, er hielt beide Arme hoch, „also, die Wissenschaftlerin hat darüber gejammert, dass sie ihr Lieblingsboytoy verloren hat, und überlegt, ob der XO vielleicht Interesse hat, ihn zu ersetzen …“
Kesha pfiff.
„… Aber Dr. Fox sagte ihr, sie solle ihn da raushalten“, Ghost prüfte die Temperatur seines Tees mit einem vorsichtigen Schluck, „und meinte, sie sei nur interessiert, weil er die rechte Hand des Kapitäns sei, und das würde die Angelegenheit für alle Beteiligten furchtbar verkomplizieren.“
„Kernweltler“, murmelte Mikhail und schüttelte angewidert den Kopf.
Aus irgendeinem hirnrissigen Grund fühlte sich Sergey seltsam erleichtert bei dem Gedanken, dass er sich zumindest nicht mit diesem Mist herumschlagen musste …
„Da bekam Fr. Rivers diesen verschmitzten Gesichtsausdruck und wechselte scheinbar das Thema, indem sie sagte, dass sie angesichts unseres Ziels und der Tatsache, dass wir das System bald verlassen werden, so viel Lesestoff wie möglich mitnehmen sollten. Sie fragte Dr. Fox“, Echohawks Stimme wechselte zu einer überraschend guten Imitation der Stimme und des Ausdrucks der Frau, ‚‘Sag mal, denkst du, du hast genug von diesen medizinischen Fachzeitschriften und den heißen Liebesromanen? Vielleicht solltest du ‚Die Kanone des Colonels‘ mal probieren, ich habe gehört, das ist ein riiiesiger Bestseller.‘“
Jetzt war es an Kesha, ihr Dessert beinahe über den ganzen Tisch zu verteilen. Sergey umklammerte seine Tasse fester und hob sie an, um den plötzlichen Drang, zu husten, mit einem Schluck Tee zu unterdrücken.
„Du veräppelst uns!“, rief Yelena, „Das hat sie doch nicht wirklich gesagt!“
„Nein! Ich meine, ja! Das hat sie wirklich gesagt!“
Alle blickten Ghost an.
Er nickte bestätigend und warf Sergey einen Blick zu, bevor er fortfuhr: „Ich glaube, das hat sie getan, denn daraufhin antwortete Dr. Fox mit finsterer Miene: ‚Du weißt, dass ich keine Militärromanzen lese.‘
“Und Rivers erwiderte: „Ich denke, du solltest für dieses Buch eine Ausnahme machen“, mischte sich Echohawk wieder ein, „es könnte sich wirklich lohnen. Ich habe gehört, dass es großartige Kritiken gibt.“
Unterdrücktes Gelächter stieg am Tisch auf. Plötzlich spürte Sergey eine unerwartete Hitze in seinem Nacken aufsteigen und er trank seinen Becher leer.
„Nun, ich frage mich, wo sie die gefunden hat!?“ Yelena zwinkerte, und sogar Mikhail und Kesha grinsten breit.
„In ihrer Fantasie, würde ich meinen“, Sergey stellte seinen Becher mit etwas zu viel Kraft ab und griff nach der Teekanne.
„Bei ihrer Promiskuität hat sie vielleicht selbst versucht, einen Blick in das Buch zu werfen“, neckte Kesha und zog die Kanne weiter weg.
„Ich bin sicher, dass sie das nicht getan hat“, er umfasste den Griff der Kanne und funkelte sie mit zusammengekniffenen Augen an.
Sie ließ los und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen: „Vielleicht ist sie einfach noch nicht dazu gekommen, es selbst zu lesen.“
Mehr Kichern und Schnauben. Sogar Ghost verzog die Mundwinkel nach oben.
„Ich glaube, dieses Buch ist momentan ausverkauft“, er schob die Zuckerdose rüber, gerade als Sergey danach greifen wollte, „Es sind nur noch ein paar kostbare Exemplare übrig.“
Yelena nahm die Dose, sobald Sergey damit fertig war, „Was willst du damit sagen? Dass es sich bei der ‚Kanone des Colonels‘ um gebrauchte Literatur handelt?“
Kesha, die gerade erst wieder zu Atem gekommen war, brach in schallendes Gelächter aus. Die Leute an den Nachbartischen begannen, sie anzustarren. Felicity auch.
Mist.
„Vielleicht eher um Einhandliteratur, wenn man den Titel bedenkt“, konterte Echohawk kühn.
Mikhail und Kesha zuckten zusammen. Sergey funkelte den Infiltrator an. Ghost tippte seinem Vorgesetzten sanft mit zwei Fingern auf den Arm. Ah, er hatte recht … sich darüber aufzuregen, würde nur die Belustigung der anderen steigern. Es war sowieso alles kindischer Unsinn. Sie machten nur Witze über das, worüber am anderen Tisch gescherzt worden war.
Anstatt dem jüngeren Mann die Meinung zu geigen, löffelte Sergey also ruhig Zucker in seinen Tee und fragte: „Gibt es noch andere interessante Neuigkeiten, die du vielleicht teilen möchtest?“
„Nein, danach war das Gespräch so ziemlch beendet“, zumindest wusste Echohawk, wann es genug war.
„Obgleich Fr. Rivers versuchte, das Thema wieder aufzugreifen, als sie fragte, ob Dr. Fox wirklich auf die Gelegenheit verzichten würde, an der Regimentsgründungsparty teilzunehmen, nur weil du sie eingeladen hattest.“
Sergey wandte sich Ghost zu: „Und?“
„Tut mir leid“, sein Freund hielt ihm den Milchersatz hin, „sie sagte, sie hätte bereits andere Pläne.“
„Schade“, warf Kesha ein, „betrunken und entspannt hätte sie vielleicht doch Interesse daran gehabt, diese besondere Literatur aus erster Hand zu erleben.“
Als ein weiterer Anfall von Heiterkeit ihn von allen Seiten umspülte, schloss Sergey kurz die Augen und dachte beruhigende Gedanken, während der dunkle Duft von schwarzem Tee seine Nase kitzelte und dann bis in seinen Magen brannte. Es bestand wohl keine Chance, dass sie diese Sache jemals auf sich beruhen lassen würden, oder?