[Vorgeschmack auf Band 5] [Kapitel 1]

„Ihr eigenes Regiment auf einer Langzeitmission zu führen ist ein großer Karriereschritt, nicht wahr? Das wird doch sicherlich mit einer Beförderung einhergehen,“ sinnierte der Admiral.
„Ich bin bereits weiter aufgestiegen, als ich es je wollte!“, Sergey starrte auf das Spinnennetz aus winzigen Rissen, welche auf dem Trinkgefäß in seiner rechten Hand erschienen. Ein leises Knistern hallte im plötzlich geradezu klaustrophobischen Büro des Kapitäns wider, „Warum schiebt man mir ständig mehr Verantwortung in die Schuhe?“
Plutos gefrorene Eisbälle!

Den Voidwalker störte es nicht, Adm. MacAllisters hübsches kleines Trinkglas zu beschädigen. Und es ließ ihn auch völlig kalt, dass er sich vor ein paar Minuten in einer Schimpftirade über die Situation ausgelassen hatte. Tatsächlich hatte es ihm sogar ein kleines Maß an Befriedigung verschafft, zu sehen, wie diese kratzbürstige außerirdische Roboterfrau bei seiner Wortwahl errötete und der Botschafter sie zur Tür herausscheuchte. Nein, das war alles in Ordnung. Es war die einzig vernünftige Reaktion darauf, in diese irrsinnige Situation gestoßen zu werden. Was Sergey störte, war, dass er für einen Moment die Kontrolle über seine künstliche Hand verloren hatte. Ein Sekundenbruchteil genügte, um jemandem das Genick zu brechen. Das war nicht akzeptabel, selbst wenn er gerade erst abkommandiert worden war, um ein verdammtes Regiment in von der Leere verfluchten außerirdischen Raum zu führen, um auf einen Haufen idiotischer Kernweltler aufzupassen, damit sie keinen weiteren Blödsinn anstellten, der auf seine Heimat zurückfallen könnte!
Sehr langsam ließ er den Druck in seinen Fingern entweichen. Der Tumbler hielt. Kein Tropfen der bernsteinfarbenen Flüssigkeit tropfte aus seinem Inneren auf den blitzsauberen Konferenztisch.
MacAllister zeigte sich vom Verhalten seines Gegenübers unbeeindruckt. Oder vielleicht war ihm die wahre Tragweite des inneren Konflikts hinter dem Pokerface des anderen nicht bewusst. Stattdessen betrachtete der alte Mann den Inhalt seines eigenen Tumblers, bevor er davon trank, „Wahrscheinlich, weil man erkennt, dass Sie damit umgehen können.“
Klar …

Sergey presste die Lippen fest aufeinander. Nachdem er den Alkohol hinuntergekippt hatte, stellte er die Frage, die ihm unter den Nägeln brannte: „Warum? Warum ich?“
Sicherlich hatte der Admiral diese brillante Idee nicht zu Ende gedacht! Oder er war ein Narr, der nicht sehen konnte, was für ein tiefes Loch er gerade bereitwillig für sich und seine Crew gegraben hatte, indem er ausgerechnet nach Sergeys Aufsicht bei dieser Mission verlangte! Er schien ein kluger Kerl zu sein … für einen Kernweltler. Warum sollte er so etwas Dummes tun? Sah er nicht, was für ein Mann Sergey war? Hoffte er, einen einfachen Lieutenant auszunutzen, der ohne die nötige Erfahrung in den Rängen aufgestiegen war? Wenn er dachte, Sergey wäre ein Schwächling, dann hatte MacAllister sich gewaltig getäuscht!
Statt der Erklärung, auf die der Plutonier wartete, zog der Admiral eine Spielkarte aus seiner inneren Brusttasche und legte sie auf den Tisch. Es war ein Joker, eine Wildcard, mit dem Bild eines auf einer Sprungfeder montierten Teufelskopfes, welcher aus einer Geschenkbox sprang.
„Weil ich Sie in Aktion gesehen habe“, MacAllister musterte sein Gegenüber aufmerksam, „Ich habe also eine ganz gute Vorstellung davon, worauf ich mich einlasse.“
Der Leutnant nahm die Karte, um sie sich genauer anzusehen. Ein seltsames Gefühl unter seinen Fingerspitzen. Papier. Dickes, hochwertiges Papier. Echtes Papier, kein Kunststoffpapiergemisch oder rein synthetisches Material, wie die Sammelkartenspiele, mit denen seine Truppen jedes Jahr ausgestattet wurden. Er hatte dieses altmodische Material nur ein paar Mal gesehen und angefasst. Warum sollte man daraus etwas herstellen, das so oft benutzt wurde wie Spielkarten? Es würde innerhalb kürzester Zeit schmutzig und ausgefranst sein. MacAllister war ein alter Mann, aber nicht auf diese Art sentimental, soweit Sergey das beurteilen konnte. Er schien zudem praktisch veranlagt. Hatte ihm diese Karte jemand anderes gegeben?
Die diesem Artikel innewohnende Seltsamkeit war ein Hinweis. Paps hätte vielleicht gewusst, was davon zu halten war. Sergey nicht. Er machte sich eine mentale Notiz für später.
„Wenn Sie erwarten, dass ich Sie und Ihre Crew aufgrund meines Respekts für Ihre Person oder wegen der Erfahrung und der harten Zeiten, die wir bereits überwunden haben, schonen werde, dann irren Sie sich!“, das sollte besser direkt geklärt werden.
„Im Gegenteil“, der Admiral leerte sein Glas und schenkte dann beiden zum dritten Mal nach, „ich erwarte, dass Sie mir von hinten in den Kopf schießen, sollten Sie das für die einfachste Möglichkeit halten, mein Schiff zu übernehmen. Ich erwarte, dass Sie Plutos Willen und Normen unbeirrt durchsetzen. Doch ich halte Sie auch für ehrenhaft und intelligent, für jemanden, der sich andere Standpunkte zumindest anhört, mit dem man vernünftig diskutieren kann und der solch drastische Maßnahmen nur als letzten Ausweg ergreift. Sie kennen den Preis der Gewalt und Sie werden ihn zahlen, jedoch nicht unnötigerweise.“
Sergey juckte es in den Fingern, dem alten Mann das Gegenteil zu beweisen und diesen wissenden Blick gewaltsam in den hintersten Teil seines Schädels zu verschieben. Damit sollte seine neue Aufgabe beendet sein, bevor sie überhaupt begonnen hatte, oder? Scheiß auf die Ehre! Aber nein, das konnte er nicht tun. Egal, wie MacAllister oder sonst jemand es nannte: Ehre, Respekt vor der Uniform, Verantwortungsbewusstsein … der alte Knacker hatte mit seiner Einschätzung recht. Er hatte ihn erschreckend gut gelesen. Selbst wenn er von der Erde stammte, verdiente der Admiral Sergeys Respekt. Wahrscheinlich nicht für seinen Rang oder dafür, dass er Kapitän dieses winzigen Schiffes war. Vielleicht aufgrund seiner Intelligenz und seines Alters. Ganz sicher für seine Kühnheit.
Dafür, wie er mit Sergey, seinen Männern und der Situation umgegangen war. Es war schon eine beachtliche Leistung, ihren leitenden Provost, die gute alte Garin, dazu zu drängen, gegen ihre Befehle zu handeln, und die Hilfe der Spartaner im Kampf anzunehmen. Ausgerechnet Sergey zu bitten, die plutonische Seite zu übernehmen, obwohl er die Gefahr so klar erkannte? Nur um sicherzugehen, dass er sich keinen Vorschriftenreiter oder gefährlichen Dummkopf einhandeln würde?
Ja, so eine selbstmörderische Entschlossenheit musste man bewundern.
„Ich bin der Teufel, den Sie kennen …“, Sergey schnippte die Spielkarte über den Tisch zurück.
„Ganz genau. Ich bin nicht glücklicher über Ihr Bleiben, als Sie es sind. Doch es ist beschlossene Sache, also wie wäre es, wenn wir uns darauf einigen, bestmöglich miteinander auszukommen!?“, der Admiral hielt seinen Tumbler hoch, „Wie bei einer arrangierten Ehe, da?“
Ach, scheiß drauf. Es gab sowieso keinen Ausweg. MacAllister hatte einen Deal mit Mama Tasha gemacht. Einen Deal, den er sehr bald bereuen könnte, allein schon wegen seiner Wahl des Militärkommandanten. Im Vergleich zu ihr waren alle anderen harmlose Kätzchen. Wenn die mächtigste Frau im Sonnensystem einen Befehl erteilte, erwartete sie, dass er verdammt noch mal buchstabengetreu befolgt wurde. Das war beschlossene Sache. Das Einzige, was ihr Vollstrecker diesbezüglich kontrollieren konnte, war seine eigene Reaktion, sein zukünftiges Verhalten. Und das Ausmaß der Folgen für sich selbst und seine Kameraden.
Der Plutonier hob sein Getränk mit einem Schnauben. Die Eier des Admirals verdienten einen gewissen Respekt und Höflichkeit. … alles andere würde sich mit der Zeit ergeben. „Keine Chance. Sie sind viel zu alt für mich. … und zu hässlich.“
„Tja, Pech gehabt. Dem stählernen Miststück scheint die Mitgift zu gefallen.“
Sergey stieß ein Lachen aus und schlug dann mit wohl dosierter Kraft ihre Tumbler gegeneinander. „Da. Nastrovje!
Einerseits war der Alkohol des Admirals, auch wenn es kein Wodka war, zu lecker, um ihn zu verschwenden. Daher riskierte er nicht, die bereits beeinträchtigte Intaktheit des Tumblers zu zerstören und alles über den Tisch zu verschütten. Andererseits war Sergey mit dieser letzten Bemerkung nicht einverstanden, also stellte er das Glas beiseite, ohne zu trinken. Vielleicht war es etwas spät, um seine Abneigung auf diese Weise zu zeigen, und da der Terraner – wie er selbst zugab – noch nie zuvor im plutonischen Raum gewesen war, würde er die Zurückweisung wahrscheinlich nicht einmal als solche verstehen. Doch was auch immer er sonst sein mochte, Sergey war kein Stück Eigentum, mit dem sich handeln ließ. Er war ein freier Mann. Weder eine widerwillig verheiratete Jungfer noch Gegenstand eines schlechten Witzes.
MacAllisters smaragdgrüne Augen musterten schweigend den gesprungenen Tumbler. Dann stellte er seinen, von dem er nur einen Schluck genommen hatte, daneben. Hat der Mann die Natur des Tabubruchs, den er gerade begangen hatte, doch begriffen? Wahrscheinlich nicht. Sergey seufzte innerlich. Er konnte sich zwar nicht beklagen, dass MacAllister keine Anstalten machte, ihm entgegenzukommen. Doch wie auch immer ihre Beziehung in Zukunft aussehen würde, sie musste definitiv noch wachsen. Dies war kein Terrain, auf dem sich Sergeys direkte Art wohlfühlte. Allerdings zeigte der Admiral in dieser Hinsicht eindeutig seine eigenen Unzulänglichkeiten, weshalb die Senior Commander nicht nur gefordert hatte, dass ein Plutonier das Militär und die Sicherheit an Bord leiten sollte, sondern auch einen Diplomaten mitschicken würde.
Und dies hier war noch eine Art Friedenszeit. Die mit Sicherheit zu Spaltungen führenden schwierigen Entscheidungen lagen noch in ihrer Zukunft. Probleme für später.
Ah, Leere!
Vielleicht wäre es keine komplette Verschwendung seiner Lebenszeit, zu bleiben. Ein paar Jahre in einem fremden Sonnensystem würden ihm doch zumindest reichlich Zeit und Gelegenheit verschaffen, die hübsche Chefärztin der Gateshot zu verführen …
Apropos Gelegenheiten und Beziehungen, die neu definiert werden mussten.
„Ich möchte, dass Sie meine neue Position noch ein paar Stunden für sich behalten“, Sergey erhob sich, „Es gibt da noch etwas, um das ich mich kümmern muss, bevor es allgemein bekannt wird.“

SERGEY\\ EHRE UND SO