HFC #03 – HEXENFLUG INS VERTRAUEN

„Auf meinem Schiff ist kein Platz für zusätzliche Störenfriede. Hören Sie lieber auf mit Ihrem kleinen Teile-und-Herrsche-Spielchen, Hr. Maverick, oder ich schmeiße Sie schneller aus der nächsten Luftschleuse, als Sie ‚ups‘ sagen können. Haben wir uns verstanden?“

„Oh, ich verstehe Sie sehr gut, Kapitän”, säuselte Maverick völlig unbeeindruckt, “Wahrscheinlich besser, als Ihnen bewusst ist.“

Rupert J. Maverick, zu Ihren Diensten.

Es sieht so aus, als ob das Schiff, auf das ich meinen Mitflug erpresst habe, immer noch ein paar Problemchen zu lösen hat.

Wie der Kapitän und der XO, die sich immer noch nicht einig sind … ein Feuer, das ich vielleicht noch weiter anfachen möchte.

Wie die Meuterer, die in den Arrestzellen verrotten und wertvolle Luft und Potenzial vergeuden.

Wie die unerklärlichen technischen Störungen, die den Computer und die Installationen der Gateshot in Mitleidenschaft ziehen und die katastrophalste Art von Spaß versprechen.

Das gibt einem zu denken.

Könnte noch ein anderer Spieler an Bord sein?

Vielleicht eine gemeine Ratte?

Und ist sie noch schlimmer machen nicht genau das, was diese Situation braucht?


Sag mir, meine Schöne, wo gibt‘s den Hexenflug ins Vertrauen?

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WWC #03 – WITCH WAY TO STARDUST

“There’s no room for extra troublemakers on my ship. You better stop your little game of divide-and-conquer, Mr. Maverick, or I’ll flush you out the next airlock faster than you can say ‘oops.’ Do we understand each other?”

“Oh, I understand you perfectly, Captain,” Maverick purred, completely unruffled, “Probably better than you realize.”

Rupert J. Maverick, at your service.


Looks like that ship I blackmailed my way onto still has a few problems to sort out.

Like the captain and XO still not seeing eye to eye …a fire I might want to fan some more.

Like those mutineers collecting dust in the brig, wasting precious air and potential.

Like those inexplicable tech failures playing havoc on the Gateshot’s computer and installations, promising the most catastrophic kind of fun.


Makes you wonder, though.

Could there be another player on board?

Some filthy rat, maybe?


And is making this whole situation so much worse not precisely what it needs?


So tell me, Gorgeous, Witch Way to Trust?

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HFC #02 – HEXENFLUG ZUM JUPITER

„Es gibt Geheimnisse, die wir für andere hüten, die Vorrang vor unserer eigenen Agenda haben“, Eve tippte auf die gegenüberliegende Seite des Buches, „Dies ist ein Geheimnis, für das ich bereit bin zu töten. Verstehst du mich?“

Nennen Sie mich Eve Baileywick.

Ich sollte der XO der Gateshot sein, Doch ihr Kapitän erweist sich als unvernünftig stur und widerspricht mir auf Schritt und Tritt.

Entschlossen, mein Wissen über diesen unbezahlbaren Prototyp aufzuspüren, will er mir den Posten nur geben, wenn ich meine Prinzipien verrate und gefährliche Geheimnisse vorzeitig preisgebe.

Geblendet von seinen unbegründeten Verdächtigungen, gibt er sich dem blinden Fleck hin, den er für diejenigen hegt, die früher schon mit ihm gedient haben und die mich aus ihren eigenen Gründen hassen.

Auf dem Weg in eine fragwürdige Sicherheit werden wir weiterhin rücksichtslos verfolgt, denn das üppige Kopfgeld auf unsere Magierin macht uns alle zu attraktiven Zielen.

Und gerade als sich die Spannungen an Bord zuspitzen, kommt es zu einer Tragödie, die unsere Magierin in einen beispiellosen emotionalen Aufruhr treibt, bereit zu explodieren …


Einen Hexenflug zum Jupiter gefällig?

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HEXENFLUG NOVELLA #01 – SPARTAN ROULETTE

„Bessere Frage: Warum hast du keine Knarre?“

„Was? Ich dachte, das hier wäre Date Night!“, Nick hielt den Kopf gesenkt und drehte die Drohne in seinen Händen, um zu sehen, ob er sie wiederbeleben konnte, „Wozu sollte ich eine Knarre brauchen?“

Triff Midshipman Nick Sheridan, zugewiesener Pilot des Spartanischen Platoons.

Wie jeder Soldat bestätigen kann, ist es eine kostbare Seltenheit, mitten in einem grausamen Krieg Stationsfreigang zu bekommen. Noch seltener ist es, illegal von einer umwerfend schönen Marine eingeladen zu werden.

Zu dumm nur, dass die nette kleine Station, an der die Avalanche dockt, eine tückische Todesfalle ist, der vermeintlich einfache Botengang, mit dem das Schiff beauftragt wurde, bloß eine List und der Skipper streng geheime Befehle hat, die sie alle umbringen könnten.

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Willst du Nick, Gabe, Tank und Glen kennenlernen, bevor sie so richtig miteinander warm wurden?

Oder vielleicht brauchst du einfach nur eine Lektüre fürs Wochenende?

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HFC #01 – HEXENFLUG INS ALL

“Selbst wenn wir unbemerkt hinkämen, wie würden wir das Tor ohne einen velorianischen Magier öffnen?”

“Du übersiehst das Offensichtliche!”, Glen schüttelte den Kopf, “Als die Aliens vor zehn Jahren das verdammte Weltraumtor öffneten, überfluteten sie unser System mit Magie! Wir haben all die menschlichen Magier, die wir brauchen, genau hier!

Ich bin Glen MacAllister, 96, Kriegsheld, Professioneller Dorn im Auge.

Meine hübschen Töchter wurden in den velorianischen Raum gelockt, wie so viele leichtgläubige Mädchen, von denen niemand je wieder etwas hört.

Während die meisten menschlichen Regierungen zugunsten ihrer Geldbeutel ein Auge zudrücken, habe ich endlich jemanden gefunden, der bereit ist zu helfen.

KI Marshall, der berüchtigte Gouverneur vom Mars, stellt eine Crew zusammen, die einen unbezahlbaren RaumschiffPrototyp bemannen soll, welcher es mit der fortschrittlichen Alien-Technologie aufnehmen kann.

Aber der Feind ist uns auf den Fersen und ich bin gezwungen, mich auf eine Frau zu verlassen, die ich hasse, um die letzten Mitglieder meiner Crew zu befreien und sie sicher vom Mars zu bringen.

Darunter auch unsere “Magierin”.

Ein Mädchen, das nicht ist, wer und was sie vorgibt zu sein.


Lust auf einen Hexenflug ins All?

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WWC SHORT #01 – SPARTAN ROULETTE


“Better question: Why don’t you have a gun?”


“What? I thought this was date night!” Nick kept his head down, turning the drone around in his hands to see if he could revive it, “What would I need a gun for?”

Meet midshipman Nick Sheridan, assigned pilot to the Spartan platoon.

Like any soldier can attest, it’s a precious rarity to get station leave in the middle of a vicious war. Even rarer to be asked out illegally by a drop-dead-gorgeous marine.

Too bad the nice little station they’re docking at is a variable deathtrap, the supposedly easy milk run their ship is tasked with only a ruse, and their skipper has top-secret orders that could get all of them killed.

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WWC #02 – WITCH WAY TO JUPITER


“There are secrets we carry for others, which take precedent over our own agenda,” Eve tapped the opposite side of the book, “This is a secret I’m willing to kill for. Do you understand?”

Call me Eve Baileywick. I’m supposed to be the Gateshot’s XO, but her captain proves unreasonably stubborn, contradicting me at every turn.

Determined to ferret out the special knowledge I hold of this priceless prototype, he will give me the position only if I abandon my principles and reveal her secrets prematurely.

Blinded by his baseless suspicions, he indulges the blind spot he holds for those who served with him before and who hate me for their own reasons.

On our way to questionable safety, we’re still pursued, as the hefty bounty on our mage’s head makes us all juicy targets.

And just as the tensions aboard come to a head, tragedy strikes, driving our mage into uncharted emotional turmoil, ready to explode…


Say, Witch Way to Jupiter, please?

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WWC #01 – WITCH WAY TO SPACE

“Even if you got there undetected, how would you open the gate without a Velorian mage?”

“You’re missing the point!” Glen shook his head, “By opening that bloody Space Gate ten years ago, the aliens flooded our system with magic. We have all the Human mages we need right here.

I’m Glen MacAllister, 96, war hero. Professional thorn in people’s sides.

My bonny daughters got lured into Velorian space, like so many credulous lasses, never to be heard of again.

While most Human governments turn a blind eye in favor of their purses, I finally found someone eager to help.

AI Marshall, infamous governor of Mars, is assembling a crew to man a priceless prototype spaceship rivaling the advanced alien tech.

But the enemy is onto us, and I’m forced to rely on a woman I hate to fight free the last of My crew and get them safely off Mars.

Among them our ‘mage’.

Someone, who’s not who and what she pretends to be…


Say, Witch Way to Space?

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GHOST\\ GESEHEN WERDEN

[Diese Kurzgeschichte spielt direkt nach den Ereignissen in HFC 04]

Nach seiner Schicht saß Ghost auf seiner Koje, starrte ungläubig auf die Datenfolie in seiner Rechten. Emotionen kochten in ihm hoch, als er den knappen Text wieder und wieder las, bis die wichtigsten Wortgruppen spöttisch vor seinen Augen tanzten. Bis sie alles waren, was von dem standardisierten Informationsschreiben übrig blieb.

“Sgt. Ermolai Ronne” und “um Sie zu informieren” und “zwei Wochen Trinkrationen gekürzt” und “außerdem gilt eine sechsmonatige Beförderungssperre”.

Die eigentliche Ohrfeige war der Satz: “Da Sie während eines Hochrisikoeinsatzes erstarrten und Anzeichen eines drohenden Nervenzusammenbruchs zeigten, hält Ihr Vorgesetzter Sie für ungeeignet, in naher Zukunft über Ihre derzeitige Position hinaus aufzusteigen”. Er ließ die Haut auf Ghosts Armen erzittern, beschleunigte seinen Herzschlag und trieb dunkle Wolken in die Ränder seines Blickfeldes.

Es waren nicht die Worte an sich. Nicht wirklich.

Er kannte den Ablauf solcher Vorgänge und wusste, dass Sergey diese Worte höchstwahrscheinlich nicht selbst formuliert hatte. Sein Vorgesetzter hatte seine Einschätzung abgegeben, eine Begründung für seine Entscheidung genannt und erklärt, was er als angemessene Strafe für den begangenen Verstoß erachtete. Irgendein ranghoher Provost, vielleicht sogar Garin selbst, hatte es abgenickt, den Strafzettel ausgefüllt und unterschrieben, und dies alles mit einer Wortklauberei so alt wie die plutonische Republik selbst.

Dem Datumsstempel in der oberen Ecke nach zu urteilen, hatte Sergey die Sache lange bevor er um seine neue Position wusste in die Wege geleitet. Von der Tatsache, dass es in der nahen Zukunft, welche durch das Beförderungsverbot abgedeckt wurde, möglicherweise viele Positionen durch seine Vertrauten zu besetzt galt.

Nein, die Bestrafung war nicht als Beleidigung gedacht.

Doch warum schmerzte es dann, als wäre es einer?

Ghost beobachtete, wie Wellen unsichtbarer Energie über seine dunkle Haut strömten und seine Präsenz dämpften. Was zufällig begonnen hatte, als er noch ein kleiner Junge war, dessen Leben davon abhing, unentdeckt zu bleiben und eins mit seiner dunklen, schmutzigen Umgebung zu werden, hatte sich inzwischen zu einem halbbewussten Prozess entwickelt. Wie schon damals schien seine Fähigkeit, unentdeckt zu bleiben, jedoch eng und untrennbar mit seinem emotionalen Zustand verbunden. Ein Grund, warum er so intensiv Selbstbeherrschung und Selbstreflexion trainierte. Dass der Infiltrator durchaus stolz auf seinen Fortschritt war, mochte der Hauptgrund für seinen momentanen Frust darstellen.

Er hatte kläglich versagt.

Das Geräusch winziger Füße in den Decken der verfluchten Piratenstation hatte ihn aus der Realität gerissen und schnurstracks in die Vergangenheit zurückgeworfen. Seinen Kampf-oder-Flucht-Instinkt bis zum Anschlag aufgedreht, war er wieder der verängstigte kleine Junge gewesen, unfähig, Vernunft oder das große Ganze zu sehen, unfähig, seinen Gegenüber klar zu verstehen. Das hatte nicht nur dazu geführt, dass er erstarrte und dadurch Mission und Kameraden gefährdete. Nein … Er hatte seinen Vorgesetzten schwer beleidigt. Seinen besten Freund. Er hatte ihn, wenn auch nicht mit so vielen Worten, ein Monster genannt.

Das war es nicht, was Sergey gestört hatte. Nach irgendwelchen regenbogenscheißenden Einhornmaßstäben waren sie alle auf ihre eigene Weise Monster. Rücksichtslose Killer und Witwenmacher. Einige der erbarmungslosesten Kampfhunde, welche das plutonische Militär zu bieten hatte.

Nach ihren eigenen Maßstäben waren sie ganz normale Männer, die ihren Job machten.

Nein, die Beleidigung lag in der Art des Monsters, das impliziert wurde. Ein unentschuldbarer Fehltritt.

In Anbetracht der Umstände war Sergey ziemlich ruhig geblieben. Hätte er Ghost mit seiner metallenen Rechten die Fresse eingeschlagen, hätten die meisten ihrer Kameraden den Impuls verstanden. Der Gedanke an Sergeys Zurückhaltung, sowohl bei seiner unmittelbaren Reaktion als auch in der Wahl der Bestrafung, ließ Ghost sich noch schlechter fühlen. Seine Glieder begannen leicht zu kribbeln und seine Farbwahrnehmung verdunkelte sich, was die fünf einfachen, zweistöckigen Kojen – auf einer davon saß er – und den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes optisch auslaugte.

“Ich glaube nicht, dass es persönlich gemeint ist”, ertönte eine ruhige Männerstimme aus der oberen Koje.

Scheiße, er hat gedacht, er wäre allein …

Ghost blickte hoch. Doch natürlich war da nichts weiter zu sehen als die massive, an der Wand verankerte Platte. Vorhin hatte er darauf eine dunkle Form wahrgenommen, bei der es sich genauso gut um zerknüllte Decken hätte handeln können. Irgendein ferner Teil seines Verstandes hatte das als einen tadelnswerten Mangel an Ordnung empfunden. Der Rest seines Verstandes war zu sehr mit seiner eigenen Bestrafung beschäftigt, um sich darum zu scheren.

“Doch das weißt du”, fuhr Jake Echohawk in einem geschmeidigen Plauderton fort, als auf seine erste Bemerkung keine Antwort kam.

Natürlich weiß ich das, verdammt noch mal!, dachte Ghost, Ich kenne ihn schon eine Ewigkeit; du bist erst seit ein paar Monaten dabei!

Doch er sagte es nicht. Es machte ohnehin keinen Unterschied. Wenn er so weit verschleiert war, hörte ihn sowieso niemand mehr. Tatsächlich war das seine größte Angst. Dass er eines Tages einfach aus diesem Leben verblassen würde, aus der Realität selbst. An einen Ort rutschte, an dem ihn niemand sah oder hörte. Wo niemand überhaupt wüsste, dass er einmal existierte. Wo er schreien und toben könnte und die Leute einfach durch ihn hindurchliefen, unbehelligt von seiner Anwesenheit und ohne von seinen Mätzchen etwas mitzubekommen. Dass er eines Tages wirklich ein Geist werden würde.

Die weitere Erregung dieses Albtraums laugte die letzten verbliebenen Farben aus dem schwach beleuchteten Raum. Die Bilder und Illustrationen, welche Quansah an der Wand neben seiner Koje aufgehängt hatte, wirkten wie alte Schwarz-Weiß-Bilder. Seine Familie nur eine Ansammlung dunkler Flecken auf weißem Grund.

Ghost schluckte, als Panik in ihm aufstieg und seine Brust einschnürte. Obgleich ihn die plötzliche Klaustrophobie wie ein Vorschlaghammer traf, fühlte er sich unfähig, sich zu bewegen, um von der Koje in den offenen Raum in der Zimmermitte zu rutschen.

Eine quälende Ewigkeit herrschte Stille, bevor Jake sich bewegte, von seinem Schlafplatz rollte und wie ein Ninja geduckt auf dem Boden vor Ghosts Koje landete. Er trug eine locker sitzende, dunkle Hose, sonst nichts. Mit geneigtem Kopf, als würde er auf etwas lauschen, ließ der jüngere Mann seine Augen durch die Schatten in der unteren Koje schweifen. All die kleinen Muskeln unter seinen Augen bewegten sich, als diese sich zu Schlitzen verengten. Die dunklen, weiß hinterlegten Kreise zoomten mehrmals aus und ein und streiften den anderen Mann unsehend. Einen Moment lang brodelte eine eigentümliche Neugierde in Ghost auf. Wenn er eine Hand ausstreckte, würde sie durch seinen Stellvertreter hindurchgehen? Wie unbezahlbar wäre der Gesichtsausdruck des anderen Infiltrators, wenn er ihn jetzt auf seinen Hintern stoßen würde?

Der Gedanke war kurz und flüchtig und ging in der unerwarteten Panik unter wie ein Papierschiffchen im Haupteinlass der Abfallentsorgungsanlage einer Raumstation. Trotzdem lockerte sich die Anspannung in Ghosts Brust ein wenig.

Als er einen langen, flachen Atemzug nahm, entspannte sich auch Jake etwas und richtete sich langsam auf. Er griff unter seine Matratze und seine Hand kehrte mit einem großen Kartenspiel zurück.

“Ich habe nie an Magie geglaubt, weißt du”, der schlanke Mann zog den nächstgelegenen Stuhl am Tisch heraus und setzte sich so, dass seine Silhouette zur Hälfte zwischen Ghost und der Tischplatte ausgerichtet war, auf welcher er mit flinken Fingern die Karten zu mischen begann. Ihm dabei zuzusehen war sonderbar fesselnd, ja geradezu entspannend. Von dem anderen Mann ging eine angenehme Ruhe aus, ähnlich einer warmen Brise, welche aus einem Heizungsraum weht.

“Meine Oma hat mir viel erzählt”, ein leises Lachen, “über alle möglichen Kreaturen, Legenden, … die Geister der Ahnen”, er sah von seinen Fingern auf und direkt in Ghosts Augen, “Ich glaubte nie etwas davon. Ich meine, sicher… man hört vom seltsamen Wissen der Voidpriester, sieht diese ‘Kriegsmagier’ in Vids, aber… das ist alles so… weit weg. Es fühlt sich so unecht an, mit all dem Drama und so. Aber das Mädchen… Du hast gesehen, was sie im Hangar angestellt hat. Das war schon was. Das lässt mich über all diese Geschichten zweimal nachdenken.”

Jake stoppte seine Worte und lauschte. Ghost spürte, wie sein Herzschlag sich beruhigte und die Enge in seiner Brust nur noch den Überbleibseln eines schlechten Druckausgleichs im Raumanzug ähnelte. Ein wenig Farbe kehrte zurück, die Haut des anderen Mannes nahm eine verblasste Version ihres üblichen kupferfarbenen Tons an.

Mit einem Nicken fuhr Jake fort, den Blick wieder auf seine mischenden Hände gerichtet: “Sie hatte auch eine über einen unsichtbaren Mann. Er war keineswegs wie du. Wenn ich mich recht erinnere, war er ein Sterblicher aus alten Zeiten, der etwas getan hatte, was den Trickster-Gott erzürnte. Und da er der beste Jäger seines Dorfes war, stolz darauf, sich unbemerkt an seine ahnungslose Beute heranzuschleichen und sie aus heiterem Himmel zu töten, beschloss der Gott, diesen Stolz mit einem bösartigen Geschenk zu vergelten: Er sorgte dafür, dass niemand den Jäger sehen, hören oder berühren konnte. Der arme Sterbliche war überglücklich über dieses Geschenk, denn er ahnte nicht, dass es nicht nur für seine Feinde und seine Beute galt. Nie wieder würde er von denjenigen gehört, gesehen oder berührt werden können, die er liebte und die ihm etwas bedeuteten. Nur sein Zwillingsbruder merkte noch, wenn er in der Nähe war. Er saß da und lauschte auf seinen Herzschlag und konnte manchmal gerade noch seinen Atem spüren. In diesen Momenten versuchte der Bruder, mit dem Jäger zu reden, ihn mit langen Geschichten und gemeinsamen Erinnerungen zu unterhalten, um den Schmerz zu lindern, von dem er sicher war, dass sein Bruder ihn fühlte. Doch vergeblich. Eines Tages ging der Jäger fort, und niemand konnte sagen, wohin. Ob er sich entschlossen hatte, seine schreckliche Halbexistenz zu beenden, oder ob er vielleicht auf alle Ewigkeit ziellos durch die Welt irrt, auf der Suche nach jemandem, den er berühren und mit dem er reden kann.”

Ghost war sich nicht sicher, was es mit der Stimme oder der Geschichte des anderen Mannes auf sich hatte, das ihn immer ruhiger werden ließ, doch aus irgendeinem unerklärlichen Grund spürte er, wie sein Geist mehr und mehr in sich selbst zurückfand. Schließlich fiel ihm das Atmen wieder leicht und trotz des anhaltenden Dämmerlichts erstrahlte der Raum erneut in voller Farbe. Scham überkam ihn. Wie hatte ihm das nur passieren können? Er war dem, was auch immer auf der anderen Seite seiner Gabe lag, noch nie so nahe gekommen. Und es jagte ihm eine Heidenangst ein. Wieso hatte er das nur zugelassen?

Zum Glück drängte Jake nicht. Stattdessen drehte er sich mit dem Gesicht zum Tisch und zählte langsam Karten auf zwei Stapeln zu je dreizehn Stück ab. Erst als Ghost auf die vordere Lippe der Koje rückte, fragte er: “Also, Boss, hast du Lust auf Rommé? Ist doch ein nettes, entspannendes Spiel, oder?”

Sein Vorgesetzter räusperte sich und stand auf, um hinüberzugehen: “Sicher. Zwei Münzen?”

“Das kann ich decken.”

Jake überließ ihm die Wahl der Stapel und sie spielten ein halbes Spiel, bevor Ghost schließlich murmelte: “Wäre schon peinlich gewesen, hättest du grad nur mit der Luft geredet.”

Sein Zweiter grinste auf diese herausfordernde Art, welche Sergey in den falschen Momenten schlichtweg auf die Palme zu jagen vermochte: “Ich habe dich reinkommen hören. Ich habe gehört, wie du erst … wütend wurdest und dann … ich weiß auch nicht. Um ehrlich zu sein, hat es mir eine Gänsehaut eingejagt. Du bist sonst immer so ruhig und gefasst.”

Aber wie hatte er das angestellt?

Ghost blickte von seinem Blatt auf, studierte den anderen Mann wortlos. Auf Jakes nacktem Oberkörper prangte ein wunderschönes Tattoo mit mehreren Rosen, deren Blütenblätter in einem unsichtbaren Wind davonwehten, welches sich um seine Schulter schlängelte und seine linke Brust, seinen Rücken und seinen Bizeps bedeckte. Auf seinem rechten Arm befand sich eine äußerst realistische Darstellung eines Falken, der auf einem Ast saß und kritisch in die Welt starrte.

Schließlich ließ Jake die Karten sinken und zeigte auf sein rechtes Ohr: “Meine kleine Schwester wurde blind geboren. Sie hat mir beigebracht, wie man zuhört. Die meisten Menschen machen sich nie die Mühe. Sie merken nicht, was ihnen entgeht, wenn sie sich darauf verlassen, dass ihre Augen ihre Welt für sie malen. Sie lernen nie, still genug zu sein, um die subtilen Verschiebungen in der Luft wahrzunehmen.”

“Verstehe”, Ghost nahm den Karo-Buben vom Ablagestapel. Noch zwei Karten und er hatte eine volle Straße.

Er war schon immer davon überzeugt gewesen, dass Echohawk irgendwie besonders war. Seine Testergebnisse waren durchweg exzellent und er war hochmotiviert und mit den besten Empfehlungen zu ihrem Platoon gestoßen. Außerdem bildete seine umgängliche Art einen angenehmen Kontrast zu der stoischen Weltanschauung des oft wortkargen, älteren Mannes. Sie bildeten ein gutes Team, auch wenn sie kaum etwas übereinander wussten.

“Warum bist du hier?”, Ghost hatte diese Frage bereits bei ihrem ersten Treffen gestellt, und Jake hatte ihm irgendeine abgedroschene, schnell vergessene Plattitüde aufgetischt.

Diesmal wollte er die Wahrheit.

Jake zog eine Karte, grübelte ein paar Sekunden und legte sie dann ab. Herz-Fünf. “Willst du die kurze oder die lange Version?”

“Gib mir die kurze Version der ganzen Geschichte.”

“Ich habe einen Mann getötet”, Echohawks Tonfall wirkte nachdenklich, “einen einflussreichen, wohlhabenden Mann. Zumindest in seinem kleinen Teil der Leere. Aufgrund der Umstände hätte niemand die Provosts gerufen, doch ich musste für eine Weile untertauchen. Um den Druck von meiner Familie zu nehmen. Also ging ich zum Militär und stellte fest, dass es mir zusagte. Dort konnte ich mich endlich als nützlich erweisen. Zum Leidwesen meines Vaters war ich nie gut in Sachen Bergbau oder Buchführung.”

Richtig, Ghost erinnerte sich daran, in Echohawks Akte gelesen zu haben, dass er seine Jugend auf einem kleinen nomadischen Bergbauschiff außerhalb der plutonischen Republik verbracht hatte und noch im Begriff war, ein vollwertiger Bürger zu werden. Er hatte also in seiner Jugend nie die obligatorische militärische Ausbildung genossen. Nach der dreijährigen Grundausbildung begann er die Spezialausbildung zum Infiltrator, welche er in bemerkenswerten eineinhalb Jahren abschloss. Mehrere Jahre Dienst in einem anderen Regiment folgten. Eine steile Karriere mit schnellen Beförderungen. Echohawk war das absolute Gegenteil von den üblichen Übeltätern und Querschlägern, welche Col. Phoenix sonst so gerne in ihrem Platoon ablud.

Der Truppführer ließ die Fünf auf dem Ablagestapel liegen und zog eine neue Karte.

“Ich hatte immer noch das Gefühl, dass mir etwas fehlte, dass ich nicht ganz gefunden hatte, wonach ich suchte,” fuhr Jake fort, “Eines Tages hörte ich von einem Mann, der so gut darin war, ungesehen zu bleiben, dass ihn niemand fangen konnte. Ein waschechter Geist. Da wusste ich, dass ich diesen Mann treffen wollte. Dass ich ihn dazu bringen musste, mich zu unterrichten. Also habe ich mir den Weg durch die halbe örtliche Verwaltung geflirtet, mir die nötigen Qualifikationen verschafft und meinen Wunsch in die Tat umgesetzt.”

“Einfach so?”, mit einer hochgezogenen Augenbraue legte Ghost die Pik-Zehn ab, obwohl er vermutete, dass der andere Spieler Zehnen sammelte.

Jake nahm sie mit einem leichten Schulterzucken auf.

“Menschen sind nun mal Menschen. Jeder mag es, wenn man ihm zuhört”, seine dunklen Augen trafen Ghosts, “Es sei denn, sie wollen Antworten, versteht sich.”

Sie spielten noch ein paar Runden, in welchen die von Ghost benötigten Karten bedauerlicherweise ausblieben, während Jake seine Strategie mehrmals zu ändern schien. Er schob die Karten auf seiner Hand hin- und her, tauschte gut ein Drittel davon aus. Manche sogar mehrmals. Ließ er seinen Vorgesetzten etwa gewinnen?

“Du willst also, dass ich dir beibringe, wie ich es mache?”, brach der dunkelhäutige Mann schließlich das Schweigen.

“Nein”, der Corporal schüttelte den Kopf, “du hast eine besondere Gabe. Was ich nicht habe, kannst du mir nicht beibringen.”

“Also waren deine Bemühungen, in diese Einheit zu kommen, umsonst”, endlich: die vorletzte Karte.

“Im Gegenteil”, Jake griff nach der Pik-Acht, von der sich sein Vorgesetzter trennte, “du hast mich gelehrt, meine eigene Gabe zu entwickeln. Und das tust du noch immer. Vor einem halben Jahr hätte ich deine Wut oder deinen Kummer nicht wahrgenommen, wäre nicht in der Lage gewesen, sie zu benennen. Dich zu hören ist die größte Herausforderung, die mir bis jetzt begegnet ist. Doch es ist machbar. Ich habe gesehen, dass Federov es kann. Er weiß immer, wenn du da bist.”

“Allerdings”, das kleine Lächeln schmerzte aus irgendeinem Grund, “Ihn konnte ich noch nie täuschen. Glaub’ mir, ich habe es versucht.”

“Und bist du an den Versuchen gewachsen? Hat er deine Messlatte höher gelegt?”

“Das hat er”, Ghost lachte, “er legt die Messlatte für uns alle höher.”

“Dann bleiben wir also?”, Jake zog eine Karte, ordnete sein Blatt neu und legte alles fein säuberlich auf den Tisch. Vier Asse, drei Zweien und eine kleine Straße. Schließlich warf er die letzte Karte auf den Ablagestapel. Ghosts letzte Karte. Karo-Zehn.

Der andere Infiltrator stutzte: “Wie meinst du das?”

“Ich meine, mit deinem Hintergrund und deinen Fähigkeiten könntest du problemlos in eine andere Einheit wechseln. Du könntest zweifelsohne mühelos auf Federovs früheren Posten aufsteigen, kaum dass die halbjährige Wartezeit vorbei ist.”

“Und du würdest mir zu einer anderen Einheit folgen?”, Ghost erwog die vor ihm liegenden Karten.

“Sicher, ich bin noch nicht fertig mit dem Lernen”, ein selbstgefälliger Zug schlich sich in Jakes Grinsen, “Doch warum solltest du? Auch wenn die letzte Mission übel schief gelaufen ist, glaube ich nicht, dass du mit dem Lernen fertig bist. Ich glaube nicht, dass du deinen Freund ohne dich in ein unbekanntes, feindliches Sonnensystem segeln lässt. Egal, wie schlecht du dich vor einer halben Stunde gefühlt hast, wird das in einem halben Jahr noch eine Rolle spielen? In einem Jahr? In zwei?”

Würde es?

“Du bist ein Stratege. Du bist geduldig. Du planst auf lange Sicht”, Jake tippte auf den Ablagestapel, “Das ist die lange Sicht.”

“Simmt”, mit einem unerwartet leichten Gefühl hob Ghost die Karte auf, schob sie in seine Hand und legte das Ganze auf den Tisch, “Ich denke, du hast recht. Und ich denke, ich könnte auch etwas von dir lernen. Danke, Jake.”

“Kein Problem, Boss”, augenzwinkernd sammelte sein neuer Freund alle Karten ein und begann, sie neu zu mischen, “Lust auf eine weitere Runde? Doppelt oder nichts?”

“Sicher. Aber dieses Mal gebe ich.”

Das Fest der Lichter

“Seid Ihr sicher, dass das eine gute Idee ist, Meister?”, mit wildem Blinzeln, um die hellen Punkte aus meiner Sicht zu vertreiben, starrte ich den dunklen Tunnel hinab. Hier war es unerwartet kühl, die brennenden Sonnenstrahlen, welche die Wüstenlandschaft in meinem Rücken staubig und kahl hielten, schlagartig abgeschnitten.

Allarand enthielt sich einer Antwort und schritt mit der Selbstverständlichkeit eines Wächters vorweg in die lichtlose Tiefe. Sicher, ihm konnte schließlich nichts etwas anhaben. Mir hingegen …

Für einen Moment überlegte ich, am Höhleneingang zu warten, denn einige der Wesen, die wir hier anzutreffen hofften, konnten noch deutlich größer werden, als ich es war. Und sie waren hier zuhause.

Und …

“Singvogel, kommst Du!?”

… und mein Meister hatte gesprochen.

Einen bestärkenden, tiefen Atemzug später sprintete ich hinter ihm her. Meine Krallen gruben sich in die von reger Überwanderung verdichteten Erde, während ich die abgeschliffenen Wände argwöhnisch betrachtete. Schon nach wenigen Flügellängen fiel die Temperatur so weit, dass sich mein Federkleid sanft aufbauschte, um dem entgegenzuwirken. Wenigstens gab mir meine schwarze Färbung einen natürlichen Schutz in der Dunkelheit und auch meine auf konstantes Halbdunkel ausgelegte Sicht passte sich schnell an. Allarand nickte zufrieden, als ich zu ihm aufschloss, die orangefarbenen Lichtringe in seinen Augen merklich gedämpft. Es war ein innerer Kampf, den respektvollen halben Schritt zurückzubleiben.

“Was weißt Du über unsere Gastgeber, Singvogel?”, fragte mein Meister.

“Die Käfer sind … ähm … eine intelligente, insektoide Spezies und leben in großen Familien zusammen”, ich dachte an die schreckhaften Rindenläufer auf meinem Heimatplaneten und konnte mir das mit der Intelligenz nicht so recht vorstellen.

“’Familien’ ist nicht unzutreffend, da eine Kolonie von ein bis drei Matriarchinnen begründet wird, welche in der Regel miteinander verwandt sind. Sie selbst bezeichnen sich jedoch als ‘Gemeinschaft’”, ein sanfter Schimmer lief über seine metallene Haut, “Ihre Intelligenz ist nur ein faszinierender Aspekt an dieser Rasse. Intelligenz, Individualität und Spezialisierung von Aufgaben verhalten sich kongruent zueinander und sind von der ihnen zugedachten Arbeit abhängig. Dabei ist die Kausalität noch immer nicht eindeutig geklärt.”

Mit einem verwirrten Blinzeln suchte ich nach der unerwarteten Lichtquelle, “Also … ob sie aufgrund ihrer Intelligenz eine Aufgabe bekommen oder an der Aufgabe klüger werden?”

“Korrekt. Und der Name ihrer Spezies ist Shi’Thrass”, Allarand lächelte milde, auch wenn sein Ton eine subtile Schärfe enthielt, “Du möchtest doch unsere Gastgeber nicht beleidigen, indem Du eine derart derivasive Beschreibung wie ‘Käfer’ benutzt, oder?”

Für einen Moment überlegte ich, ob ich etwa meine Stimmbänder benutzt hatte. Nein, definitiv nicht.

“Aber nur Ihr könnt doch meine Gedanken hören,” verteidigte ich mich stumm, “und auch nur, wenn ich sie direkt an Euch richte?!”

“Höflichkeit und Respekt sollten nicht im Angesicht eines Gegenüber, sondern im eigenen Geist beginnen”, belehrte mich die metallene Gestalt in einem versöhnlichen Ton.

Ich senkte den Kopf demütig. Moment mal … kam der dumpfe, grünliche Schein etwa aus den Wänden? Vorsichtig kratzte ich etwa Erde heraus und ließ sie zwischen meinen Fingern zerbröseln. Doch da war nichts. Merkwürdig …

Allarand führte uns unbeirrt weiter, immer tiefer. Die Wahrscheinlichkeit, dass er schon einmal in genau diesem Labyrinth gewesen war, erschien mir gering. Vielleicht war es sein immenses Wissen oder die Erfahrung unzähliger Jahrtausende, welche seine Schritte lenkte. Oder vielleicht war ein anderer seiner Art, auf dessen Erinnerung er zurückgreifen konnte, vor ihm hier gewesen.

“Im Shuttle spracht Ihr von einem Fest?!”, knüpfte ich schließlich an das vorherige Gespräch an, “Seid Ihr sicher dass wir am richtigen Ort dafür sind?”

Ich sah nur Erde, eine gelegentlich daraus hervortretende, schleimige Substanz und die Feuchtigkeit, welche sich dank der Kälte zunehmend an den Wänden niederschlug. Keine Dekorationen oder andere Gäste, keine Zeichen reger Vorbereitung auf ein großes Ereignis. Ich bekam das unruhige Gefühl, in die Welt der Toten herabzusteigen. Und sollte es nicht wärmer werden, wenn man tiefer in die Erde vordrang?

“Normalerweise sind diese Tunnel erfüllt mit geschäftigem Leben”, Allarand tauchte im Vorbeigehen einen Finger in die milchige Flüssigkeit und betrachtete den Rückstand, als wolle er ihn bis auf die molekulare Ebene inspizieren. Vielleicht konnte er das sogar, “Dass sie es nicht sind, ist ein Anzeichen dafür, dass die Zeit naht. Die Gemeinschaft zieht sich in der Mitte zusammen.”

“Und wir? Weshalb sind wir hier?”

“Wir sind hier, um dem Ende einer Ära beizuwohnen. Und den Beginn einer neuen zu feiern.”

Mein fragender Blick konnte ihn nicht erweichen. Oder vielleicht war er zu abgelenkt. Der Ausdruck auf seinem üblicherweise neutralen Gesicht schwang zu etwas um, dass sich nur als Besorgnis klassifizieren ließ, und vertiefte sich, je länger er auf den Schleim starrte. Seine Schritte wurden schneller.

“Etwas stimmt nicht; der molekulare Zerfall ist zu weit fortgeschritten!”, vor einem großen Durchgang am Ende des Korridors stoppte er und kniete nieder, um einen Stein zu begutachten.

Nein, keinen Stein… Was wie glatter Fels aussah, war in Wirklichkeit ein natürlicher Panzer. Und da waren noch mehr zusammengerollte Gestalten …

“Die Wachen sind in Hungerstarre verfallen,” erklärte Allarand, “So weit sollte es nicht kommen.”

“Sollte was nicht kommen?”, ich vergaß, meine Gedanken zu benutzen und das Trillern meiner Stimme erzeugte ein schrilles Echo, welches den Gang hoch und runter hallte und sich im Raum hinter dem Durchgang verlor.

Er erhob sich und griff meine Hand, “Komm! Vielleicht ist es noch nicht zu spät!”

Gemeinsam sprinteten wir durch den Bogen in eine riesige, gewölbte Halle. Vor uns erstreckten sich zwei Flügelspannen Boden, danach gähnende Leere. Zu meinem Entsetzen folgte Allarand nicht dem sanft zur Seite abfallenden Weg, sondern schoss gradewegs auf den Abgrund zu. Meine Versuche, anzuhalten, hinterließen lediglich verzweifelte Kratzfugen in der Erde. Sein Griff glich einem Schraubstock und mit der übernatürlichen Kraft einer Maschine zog er mich vorwärts.

“Allarand, ich kann nicht mehr fliegen!”, mein Kreischen verlor sich in der undenkbaren Weite des Raums, “Ihr habt mir die Flügel amputiert!”

“Und das werde ich niemals vergessen”, seine Hände wechselten die Position und ich fühlte meinen Oberkörper gestützt, als wir von der Klippe schnellten.

Kräftige Flügel brachen aus seinem Rücken hervor. Metallene Federn spreizten sich weit, um die aufdriftende Brise einzufangen. Mit zwei Schlägen distanzierte er sich von der Klippe, verharrte dann in einem sanften, spiralförmigen Segelflug. Kritisch betrachtete er die Szenerie unter uns. Der Raum fiel zur Mitte hin in gigantischen, ringförmigen Treppenstufen ab. Auf jeder Stufe lagen mehr der glatten Panzerhaufen, als ich zählen konnte. Verschiedene Sorten davon. Und obgleich alle Stufen mit eng aneinandergedrängten, zusammengesunkenen Gestalten gefüllt waren, wurden es zur Mitte sowohl weniger als auch größere Exemplare.

“Sind … sind sie tot?”, ich musste meine Nase vor dem dumpfen, schweren Gestank lang veratmeter Luft verschließen.

“Einige mit Sicherheit”, die seiner Rasse auferlegte Neutralität hatte in Allarands Stimme zurückgefunden, “Doch die meisten befinden sich lediglich in einem Zustand maximaler Ressourceneffizienz.”

“Sowas wie Kältestarre?”

“Korrekt.”

In der Kuhle genau im Zentrum, an der tiefsten Stelle des Raumes, befand sich eine einzelne, alle anderen überragende Gestalt.

“Die Matriarchin!”, Allarand korrigierte die Stellung seiner Flügel und wir stürzten abwärts, gradewegs auf sie zu. Im letzten Moment zog der Wächter hoch. Dann setzte er meine zitternde Gestalt sanft auf dem Boden ab und landete neben mir.

Borkenmist! Ich hatte genug gewagte Flugmanöver in meinem Leben absolviert, um dem Kräfteeinfluss mehr als gewappnet zu sein. Es war die fehlende Kontrolle über meine eigene Bewegung, welche mir die Knie schwach werden ließ und die Federn aufplusterte. Nun … das und …

Von der schwerfälligen, plumpen Gestalt vor uns strahlte knochentiefe Kälte aus. Der modrige Geruch des Todes füllte meine Lunge und ließ mich würgen. Ihr Panzer wirkte papierdünn und gradezu ausgebleicht. Dunkle Schemen bewegten sich träge darunter. Eine schleimige, brackige Flüssigkeit sickerte aus den zahlreichen, vor Trockenheit aufgerissenen Stellen in Richtung Boden. Ihre Form ähnelte der einer flügellosen, auf der Hälfte zerteilten Libelle: der runde Kopf war durch einen kaum sichtbaren, dünnen Hals mit einem größeren, kugelförmigen Torso verbunden, dessen klare Chitinform in ein langgezogenes, ledernes Hinterteil auslief. Ein großer Felsbrocken hatte die Hälfte ihres Hinterleibs zerquetscht und der Rest war sichtlich aufgebläht. Ein schwaches Licht strahlte aus ihrer Gestalt, hauptsächlich aus dem großen schwarzen Fleck im Anfang des Hinterleibs. Ich schaute alarmiert nach oben, doch der schwache Schein war nicht genug um zu erkennen, von wo der Stein gefallen war … und ob noch mehr folgen könnten.

Allarand trat näher heran. Eine Reihe zischender Klicktöne verließen seinen Mund.

Die Technik in meinem Kopf übersetzte hilfsbereit: “Nachwuchsreiche Matriarchin. Bitte entschuldigt, dass meine Gehilfin und ich ungebeten Euer Heim betraten.”

Ein einzelnes Auge, halb so groß wie ich, brauchte zwei Anläufe, um zur Hälfte aufzublinzeln. Darunter befand sich eine angegraute, spiegelglatte Fläche. Das Lid zog sich noch etwas höher als sie ihn erkannte.

“Ehrenwerter Wächter?!” obgleich schwach und verzagt, erfüllten ihre Klicklaute den ganzen Raum mit ihrem Echo, “Träume ich?”

“Nein, ich bin hier”, dem etwas leeren Ausdruck seiner Augen nach unterzog Allarand sie soeben einem Scan, “Durch Zufall.”

“Schicksal!”, widersprach die Alte, “Bitte, Ehrenwerter! Werdet Ihr mir helfen meinen Nachwuchs auf die Welt zu bringen und somit meine Gemeinschaft retten?”

Der Wächter ging hinüber zu der Stelle in ihrem Hinterleib, hinter welcher der schwarze Schemen auszumachen war. Auf die Berührung seiner Hand hin zitterte die Haut und der Schemen bewegte sich.

“Sie lebt”, hauchte die Matriarchin, “Ich kann es fühlen. Sie kommt nur nicht heraus. Sie ist noch zu schwach, um aus dem Kanal auszubrechen. Bitte, Ehrenwerter! Meine Zeit ist beinahe um!”

“Allarand, warum zögert Ihr?”, ich konnte es mir denken, doch die genauen Grenzen der seiner Rasse auferlegten Regeln waren mir noch immer unklar, “Ihr habt mich gerettet. Warum nicht sie?”

“Es ist nicht dasselbe”, widersprach er in meinem Kopf, “Die Berechnung der Auswirkungen eines einzelnen Lebens auf das Universum ist relativ einfach im Gegensatz zu dem einer ganzen Gemeinschaft.”

Ich trat näher heran. Mein Blick zuckte unruhig zwischen dem einen Leben unter seiner Hand und dem steinernen Ausdruck in seinem Gesicht hin und her.

“Wächter sind Beschützer”, beharrte ich auf die allerorts bekannte Wahrheit.

“Wächter sind neutral,” hielt er dagegen, “Wir halten das Gleichgewicht. Wir greifen nur ein, wenn es bedroht ist oder unser Eingreifen keine Konsequenz darauf hat.”

“Und woher könnt ihr das wissen? Woher wisst ihr, ob ein Volk mehr Auswirkungen hat als ein einzelnes Leben?”

Er zuckte mit den Schultern, “Wahrscheinlichkeitsrechnung. In mehreren Dimensionen. Soetwas benötigt Zeit und Sorgfalt.”

“Aber sie hat keine Zeit!”, ich zeigte auf den dunklen Schatten, dann auf den Rest des Raumes, “Sie alle haben keine Zeit! Und wenn Ihr nichts tut, ist das auch eine Entscheidung!”

“Eigentlich wäre ich nicht hier”, sinnierte er, “Ich bin nur hier, um Dir etwas zu zeigen.”

“Dann rettet sie und zeigt es mir!”, meine Stimme hallte laut durch die Kuppel, die sich überschlagenen Echos überlagerten einander, bauten sich zunehmend auf. Ein leises Grollen und Zittern ging durch die Erde. Kleine Steine und Felsbrocken rieselten von der Decke. Verängstigt und schwach zuckte die Matriarchin zusammen. Ich stolperte instinktiv gegen die gigantische Gestalt, als ein Schwall Erde direkt in meinem Rücken herabregnet. Allarand bewegte sich keine Federstärke.

Entgegen meinen Erwartungen fühlte sich die Haut unter meinen Händen warm und weich an. Trocken, sicher. Aber es war als konzentrierte die gigantische Gestalt all die ihr verbliebenen Wärme, alle Kraft und Hoffnung in diesen einen Punkt. Das Junge auf der anderen Seite der Membran bewegte sich, zuckte schwach und ziellos.

Eine Erinnerung stieg in mir auf. Wie mein Partner und ich uns in jenem schrecklichen Winter an unsere Küken gedrückt hatten, all unsere verbliebe Kraft und Wärme bereitstellten. Wie ich aufgewacht war und zwei meiner drei Kinder sich nicht mehr bewegten. Starr und kalt, all unserem Einsatz zum Trotz.

Sie ist wie ich.

Ich war nicht sicher, ob es die Erinnerung oder die Realisation war, die mir den Atem raubte.

Dieses gigantische, hässliche Ding ist wie ich! Und wenn ich nichts tue, sterben sie alle!

Ohne meine Flügel konnte ich mich nicht in die Luft erheben, also griff ich nach einer Ausbuchtung in ihrer Seite. Ich zog mich daran hoch, griff nach einer weiteren Hautfalte, zog mich höher, immer höher. Die Matriarchin klackerte leise. Dann spannte sich die Haut unter meinen Füßen. Ich stieß meinen Krallen so tief hinein, wie es ging, und ließ mich an der enormen Gestalt herabgleiten. Ich musste es mehrfach wiederholen, bis schließlich der Druck aufgestauter Flüssigkeiten die letzte Membran bersten ließ und sich ein übelriechender Schwall über mich ergoss. Eine eiserne Hand ergriff meinen Oberarm und zog mich aus dem Weg, bevor die herausfallende Gestalt mich überrollen konnte.

Während die alte Matriarchin ihren letzten Atemzug tat, schnappte die neue das erste Mal nach Luft. Der schleimige Haufen verhedderter Gliedmaße öffnete große, schwarze Augen und kämpfte sich auf wacklige Beine.

Allarand erhob sich in die Luft, lautlos wie ein Schatten, trug mich noch über die oberste Stufe hinaus auf einen kleinen, versteckten Vorsprung in der Wand, bevor die Kreatur unsere Existenz bemerken konnte.

“Schau gut hin, Singvogel”, streichelte seine Stimme meine Gedanken.

Die neue Matriarchin krächzte und klickte. Der fremdartige Gesang ihrer Stimme brachte die ganze Kuppel zum Schwingen. Zum Glück löste sich bis auf einige Erdklümpchen nichts mehr von der Decke. Dafür regten sich die zusammengesunkenen Gestalten auf den Stufen. Neben ihr begann der Boden dort, wo die Innereien der alten Matriarchin ihn benetzten, zu leuchten. Das fahle Grün wurde immer stärker, mischte sich mit anderen Farben als es zu allen Seiten wuchs und bald eine Stufe nach der anderen erfüllte.

“Magie!”, flüsterte ich voller Ehrfurcht.

“Biologie”, korrigierte Allarand, “Es ist ein sehr komplizierter, durch spezielle Enzyme im Geburtskanal einer Matriarchin gestarteter Prozess. Das Enzym wird nur gebildet, wenn eine Nachfolgerin in ihr heranwächst, und löst eine Reihe sich aufschaukelnder Mechanismen in den im Boden befindlichen Myzellen aus.”

“My-was?”, ich starrte gebannt auf das atemberaubende Spektakel.

“Pilze,” er zeigte auf eine Stelle an der Wand neben uns. Dort bildete sich gerade eben ein leuchtender Fleck. Er wurde zusehends größer, brach durch und lief schließlich als eine schleimige Substanz zähflüssig daran herab. Im Gegensatz zu dem Schleim, welchen der Wächter auf unserem Hinweg analysiert hatte, war dieser klar und voller biolumineszentem Farbenspiel. Die ersten sich langsam erhebenden Gestalten krochen darauf zu und begannen gierig, den Schleim mit aus ihren Mäulern ausrollenden Rüsseln aufzusaugen.

“Wenn die von einer sterbenden Matriarchin gespendete Wärme nachlässt, lagern die Pilze vermehrt Vorräte ein und ziehen sich in die Erde zurück”, erklärte der Wächter weiter.

“Wie eine Art Winterschlaf?”

“Korrekt,” Allarand zog einen Becher hervor, um die Flüssigkeit darin aufzufangen, “Wenn die exotherme Reaktion vonstatten geht, werden diese Vorräte ausgeschieden, stärken die Shi’Thrass und starten einen neuen Lebenszyklus für beide Spezies.”

“Was haben die Pilze davon?”, fasziniert betrachtete ich, wie auf den zuvor langweiligen Panzern der Trinkenden leuchtende Maserungen in den unterschiedlichsten Farben erstrahlten. Auf der untersten Stufe begann ein wahres Gedränge und Gerangel um die besten Positionen, als die zweitgrößten Shi’Thrass begannen, sich langsam umeinander zu drehen. Sie wiesen die schönsten und verschlungensten Musterungen auf.

Natürlich! Es waren Männchen beim Balztanz!

“Die Shi’Thrass kümmern sich um die Pflege der Pilze und ihre Ausscheidungen begründen deren Nährstoffbasis”, Allarand hielt mir den vollen Becher hin. Ich betrachtete den Inhalt argwöhnisch. Das absolut hinreißende Farbenspiel wollte mich nicht recht für die Konsistenz entschädigen, doch schließlich probierte ich.

“Lecker!”, ich fühlte die beschwingende Wirkung sofort, “Zuckersüß und … vergoren?”

Ich wollte mehr!

“Eine minimal dosiertes, natürliches Halluzinogen”, berichtigte mich mein Meister, “Vollkommen ungefährlich und – bis auf einen kleinen Kater – für Deine Spezies ohne bleibende Nachwirkungen. Ich hatte Dir schließlich ein Fest in Aussicht gestellt. Möchtest Du, dass ich die neue Matriarchin um einen Platz am Ehrentisch bemühe? Immerhin hast Du ihr Volk gerettet, da kann sie es schlecht verwehren.”

Nach einem ausgedehnten Moment der Überlegung schöpfte ich mehr farbigen Schleim in meinen Becher und lehnte mich mit einem entschlossenen Kopfschütteln zurück, um das inzwischen lautstarke Spektakel zu genießen.

“Eigentlich habt Ihr sie gerettet,” sinnierte ich nach dem dritten Becher, “Indem Ihr mich gerettet habt. Mir scheint, Ihr habt Euch damals verkalkuliert.”

Allarand lächelte wortlos.